Die Schlachten bei Arbalo, Teutoburgiensis Saltus, Campus Idistaviso  und der Hildesheimer Silberfund

Idistaviso

  1. Bisherige Lokalisationsversuche
    1. Schmidt, Mommsen: bei Bückeburg
    2. Dobbertin: bei Evesen
    3. Schoppe: vor dem Ith bei Bodenwerder
  2. Idista = Innerste

Die Schlacht auf dem Campus Idistaviso   (Idistavisischen Felde)   16 n. Chr. war wohl die größte des römisch-germanischen Krieges. Auf römischer Seite sollen 80000 Mann beteiligt gewesen sein. Nach Tacitus: Annalen II, 16  habe der Ort zwischen der Weser und einer bewaldeten Hügelkette gelegen. Die Breite dieser Ebene habe entsprechend dem Abstand des Flusses von den Hügeln variiert.

Die bisherigen Lokalisierungen beziehen sich auf diese Textstelle und suchen den Ort an der Weser.

   

Bisherige Lokalisationsversuche

   

Schmidt, Mommsen: bei Bückeburg

Nach Mommsen  griff Germanicus die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser  an. Er legt sich, was den genauen Ort von Idistaviso  angeht, nicht genau fest, hält aber die Gegend von Bückeburg, Schmidt folgend, für plausibel.

   

Dobbertin: bei Evesen

Dobbertin  vermutet Idistaviso  bei F Evesen .

   

Schoppe: vor dem Ith bei Bodenwerder

S. G. Schoppe und Söhne 1 lokalisieren Idistaviso am rechten Weserufer bei Bodenwerder und Tuchtfeld vordem Hange des Ith's.

Das Gelände entspricht der Überlieferung: Östlich der Weser steigt es zunächst steil an, bildet, indem es leicht abfällt dann wieder leicht ansteigt, einer Hochebene, die von den Klippen des Ith's wie von einer Mauer begrenzt wird. Auf dem Foto blickt man vom Hange des Iths über Hunzen und Tuchtfeld nach Nordwesten auf die Hügel, hinter denen die Weser liegt.

Meines Erachtens lässt sich der Name Ith  nicht von Id istaviso  herleiten; denn frühe Namensformen lauten Igath, Gigath, Montes Niterini, Nithe-Mons / Nithe-Berg, Nieth . 2

   

Lag Idistaviso  an der Innerste  ( Indrista, Indistria ) ?

Idistaviso  scheint aus zwei Teilen zu bestehen: Idista - viso(n).

Der zweite Teil, zu dem in den obliquen Kasus ein n  zu ergänzen ist, entspricht wohl unserem Wort Wiese,   campus  wäre dann seine Übersetzung ins Lateinische. Bis hierher stimme ich mit Jakob Grimm überein, siehe Schmich 3  Die Übereinstimmung gilt sowohl für den Wortstamm vis-   Wies-   wie auch für die Deklination: lateinisch -o, Gen. -onis ist der deutschen schwachen Deklination -e, Gen. -en(s) äquivalent, siehe Wikipedia en Gothic language .

Damals war Deutschland weitgehend von Wald bedeckt. Auch heute ist Wald die vorherschende potenziell natürliche Vegetation. Ein Schlachtfeld als freie Fläche konnte es nur in Folge von Rodung oder Überflutung durch einen Fluss geben.

Das Wort Wiese  hatte vor 2000 Jahren eine etwas andere Bedeutung, die im Namen en Ouse  einiger englischer Flüsse, im Namen des belgisch-französischen Flusses Oise  und in der englischen etymologischen Entsprechung ooze  fortlebt:

ooze = soft liquid mud, esp. on a river-bed, the bottom of a pond, lake, etc…. 4

Der campus Idistaviso  war also ein Gebiet an einem Fluss (wie Tacitus es beschreibt), auf dem sich wegen häufiger starker Überschwemmungen kein Wald halten konnte.

viso  lautet ähnlich wie Visurgis  / Weser  (mit dem es etymologisch verwandt sein dürfte). Das mag Tacitus dazu verleitet haben, Idistaviso  an der Weser anzusiedeln. Doch liegt es näher, dass das Bestimmungswort Idista  den Fluss bezeichnet, der das Land überschwemmte.  Ihrem Namen liegt die indogermanische Wurzel oid   zu Grunde, die schwellen  bedeutet (vgl. griechisch Ödem , siehe Brockhaus-Artikel ).

Ich erkenne in Idista die Innerste,  an der Hildesheim liegt. Bevor es die Innerste-Talsperre gab, war sie ein Fluss, der nach der Schneeschmelze stark anschwoll und starke Überschwemmungen verursachte. Ihr heutiger Name scheint wenig mit Idista  zu tun zu haben. Ältere Formen des Namens ( Indrista  aus dem Jahre 1013, Indistria  1313, siehe Brockhaus-Artikel)  zeigen jedoch eine starke Ähnlichkeit. 5

Karte vom Unterlauf der Innerste, © Niedersachsen-Navigator Niedersachsen-Navigator 6

Wenn die Hypothese zutrifft, bleibt für den Campus   Idistaviso  = Innerstewiese    nicht mehr viel Raum: Er muss sich im Bereich des Unterlaufes der Innerste befunden haben, dort, wo das Tal breit genug ist, aber noch vor ihrem Eintritt in die norddeutsche Tiefebene, also nicht nördlich Hildesheims, das Kampfesheim  bedeutet ‒ ein treffender Name für den Ort der ersten Völkerschlacht auf deutschem Boden.


1 Schoppe, Siegfried; S., Chistian M. und S., Stephan A: Weißbuch Hermannschlacht; Osning Verlag; Hamburg 2014; Seite 76.

2 http://www.salzhemmendorf.de/geschichte-geschichten/geschichtliches-aus-salzhemmendorf/gotter-und-germanen/   Der dort geäußerten Gleichsetzung Ith = Idisenberg  kann ich nichts abgewinnen. Zur Ähnlichkeit mit dem Namen der Gnita-Heide aus dem Nibelungenlied siehe den Abschnitt unter dem Thüster Berg.

3 Schmich, Otto Klaus: Was bedeutet Idistaviso? http://www.ingeborgschmich.de/Nibelungen/Dokumente/Idistaviso.pdf

4 Advanced learner's dictionary of current English, London, Oxford University Press, 1962

5 Diese Deutung ist schon erwähnt, wenn auch nicht geteilt, in: Gebauer, J.: Geschichte der Stadt Hildesheim, Band I; August Lax Verlagshandlung; Hildesheim und Leipzig; 1922; Seite 4.

6 Niedersachsen-Navigator: http://www.lgn.niedersachsen.de